Thai: eine Schrift ohne starre Grenzen

Ein Essay über Thailändisches Schriftdesign (inkl. Marktübersicht)

Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Pangea Thai

Obwohl Thailand zu den beliebtesten Reisezielen der Welt gehört, ist die thailändische Schrift mit rund 70 Millionen Benutzerinnen und Benutzern ein vergleichsweise kleiner Font-Markt. Lohnt es sich überhaupt, diesen Markt zu ergründen und neue Schriften dafür zu gestalten?

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iese Frage habe ich schon vor langer Zeit beiseite geschoben, als ich meine ersten Erfahrungen im Entwerfen thailändischer Looped-Buchstabenformen machte (Looped: Traditionelle Zeichen des thailändischen Alphabets, die sich durch kleine kreisförmige Schleifen auszeichnen und vor allem in Schulbüchern, im Verlagswesen und in längeren Texten verwendet werden). Die Arbeit fühlte sich anfangs so an, als hätte man es bei jedem Zeichen mit einem Ampersand (&) zu tun. Rein wirtschaftlich lässt sich der enorme Zeit- und Lernaufwand, den thailändische Schriftgestalterinnen und -gestalter in dieses System investieren, kaum rechtfertigen.

Misst man den Wert jedoch daran, was dadurch erhalten und weitergetragen wird, sieht die Antwort ganz anders aus: historische Buchstabenformen davor zu bewahren, im technologischen Wandel unterzugehen, und mit jedem neuen Projekt das Verständnis für die thailändische Schrift zu vertiefen … dann lautet die Antwort eindeutig „Ja!“

Die Thai-Schriftkultur wird nie langweilig. Es gibt immer etwas zu lernen, gestalterisch wie technisch. Ich bin in Bangkok geboren und aufgewachsen und beschäftige mich seit acht Jahren intensiv mit unserer Schrift. Meine Wertschätzung für ihre Vielfalt ist in dieser Zeit stetig gewachsen – jede Stilvariante bringt neue Erkenntnisse.

Was die historischen Grundlagen betrifft, überlasse ich das Feld allerdings gerne einem ausgewiesenen Experten: „History of Thai typography“ von Pracha Suveeranont, veröffentlicht bei Typotheque, ist bis heute die umfassendste Dokumentation der Geschichte thailändischer Schrift- und Druckkultur. Im Folgenden gebe ich kurz einen Überblick und konzentriere mich anschließend auf einige Meilensteine dieser Geschichte.

Ein Überblick über die thailändische Schrift

Die thailändische Schrift stammt aus der Familie der Brāhmī-Schriften Indiens; ihr unmittelbarster Vorläufer ist das Alt-Khmer[^1]. Ihre formale Entstehung wird auf das Jahr 1283 datiert und traditionell König Ramkhamhaeng vom Königreich Sukhothai zugeschrieben. Er soll das Schriftsystem des Alt-Khmer an die thailändische Phonologie angepasst haben. Die Inschrift, auf die sich diese Zuschreibung stützt, ist allerdings Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen[^2].

Thai wird, wie die lateinische Schrift, von links nach rechts gelesen. Das Zeicheninventar ist wesentlich kleiner als bei vielen verwandten indischen Schriften, weil Thai auf die Verbindung und Stapelung von Konsonanten verzichtet. Dennoch ist das System komplex[^3].

Vom Aufbau her funktioniert die Thai-Schrift grundlegend anders als westliche Alphabete. Genau genommen ist sie gar kein Alphabet, sondern eine Abugida: Im Zentrum einer Silbe steht ein Konsonantenzeichen, das mit Vokalen und weiteren Zeichen kombiniert wird. Thai besitzt 44 Konsonantenbuchstaben, eingeteilt in drei Klassen. Hinzu kommen Vokal- und Tonzeichen. Anders als im Lateinischen reihen sich diese jedoch nicht einfach nacheinander auf einer Grundlinie auf. Vokale können vor, hinter, über oder unter einem Konsonanten stehen; manche Vokale bestehen sogar aus mehreren Zeichen, die einen Konsonanten regelrecht umschließen. Groß- und Kleinbuchstaben kennt die thailändische Schrift nicht.

Zweidimensionaler Textsatz: Im Zentrum einer Thai-Silbe steht ein Konsonant, um den maximal drei Vokal- und Tonzeichen angeordnet sein können: vor, hinter, über oder unter ihm.
Zweidimensionaler Textsatz: Im Zentrum einer Thai-Silbe steht ein Konsonant, um den maximal drei Vokal- und Tonzeichen angeordnet sein können: vor, hinter, über oder unter ihm. (Abbildung: Jürgen Siebert)

Auch die Tonhöhe gehört zum Schriftsystem. Thai unterscheidet fünf gesprochene Töne, doch es gibt nicht einfach für jeden Ton ein entsprechendes Zeichen. Vier diakritische Tonzeichen wirken mit der jeweiligen Konsonantenklasse, der Länge des Vokals und der Silbenstruktur zusammen.

Ein Tonzeichen wird über dem zugehörigen Konsonanten platziert, gegebenenfalls noch oberhalb eines dort bereits stehenden Vokalzeichens. Ein einziges Grundzeichen kann also mit Elementen links, rechts, darüber und darunter kombiniert sein. Aus der für lateinische Schriften vertrauten horizontalen Buchstabenfolge wird eine zweidimensionale Konstruktion. Für Schriftschaffende liegt genau darin eine besondere Herausforderung.

Bei einer lateinischen Schrift müssen zwar ebenfalls Buchstaben, Diakritika, Laufweite und Proportionen aufeinander abgestimmt werden. Im Thailändischen gehören solche Kombinationen jedoch zum alltäglichen Kern des Schriftsystems. Vokal- und Tonzeichen müssen in sehr unterschiedlichen Zeichenfolgen eindeutig zuzuordnen bleiben, dürfen weder miteinander noch mit den Konsonanten kollidieren und müssen auch in kleinen Größen lesbar sein.

Wird eine Schrift dann noch von Extra Condensed bis Extra Wide ausgebaut, limitiert das den verfügbaren Raum dramatisch. Diese Problematik wird uns bei Neue DIN Thai später noch begegnen.

Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Thailändisches Schulbuch aus dem Archiv der Autorin
Thailändisches Schulbuch aus dem Archiv der Autorin

Auf der Designebene werden im Thailändischen zwei Stilformen unterschieden: Looped und Loopless.

Mit den Looped-Buchstabenformen lernen wir in Thailand Lesen und Schreiben. Als ich aufwuchs, war Looped die Schrift unserer Schulbücher: formell, vertraut und grundlegend. Außerhalb des Klassenzimmers dagegen begegnete uns überall Loopless: in der Werbung, auf Schildern oder auf Verpackungen.

Aus westlicher Perspektive mag es zunächst verwirrend erscheinen, dass thailändische Leserinnen und Leser mit zwei Stilen gleichzeitig leben. Doch die Aufteilung folgt einer Logik. Für längere Texte, insbesondere für Fließtexte in Büchern, ist Looped nach wie vor Standard. Loopless wird dagegen bevorzugt für Websites, kurze Texte, Werbung und Benutzeroberflächen eingesetzt.

Eine aktuelle Studie von Typotheque[^4] bestätigt dieses Muster weitgehend und ergänzt einen interessanten Aspekt: das Alter der Leser. Für längere Absätze wird Looped eindeutig empfohlen, und der Vorteil bei der Lesbarkeit zeigt sich über alle Altersgruppen hinweg. Jüngere Leser können allerdings Loopless bei kleinen Schriftgrößen besser unterscheiden. Die Autoren führen dies auf die typografische Landschaft in Thailand zurück, die seit der Popularisierung von Loopless in den 1990er Jahren stark von diesem Stil geprägt ist. Mit anderen Worten: Das Auge wurde trainiert.

Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Beispiele für Loopless-Schriften in der Werbung und im Handel, aufgenommen 2019
Beispiele für Loopless-Schriften in der Werbung und im Handel, aufgenommen 2019
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Die thailändische Printwerbung reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück; die schlaufenlose Display-Schrift (Loopless) gewann wahrscheinlich etwa zur gleichen Zeit an Bedeutung, auch wenn unklar bleibt, wann genau sie erstmals in gedruckter Form auftauchte.
Die thailändische Printwerbung reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück; die schlaufenlose Display-Schrift (Loopless) gewann wahrscheinlich etwa zur gleichen Zeit an Bedeutung, auch wenn unklar bleibt, wann genau sie erstmals in gedruckter Form auftauchte. — Bild: Nawigamune, Anake (Hrsg.): „A Century of Thai Graphic Design“. Bangkok: River Books, 2000
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Thai-Abreibebuchstaben aus dem Archiv der Autorin
Thai-Abreibebuchstaben aus dem Archiv der Autorin

Was die thailändische Schrift sowohl für Lesende als auch für Schriftgestaltende besonders komplex macht, ist die Tatsache, dass diese Unterscheidung zwischen „mit Schleife“ (Looped) und „ohne Schleife“ (Loopless) auf einem ohnehin schon komplizierten System aufbaut.

Da die Thailändische Sprache Wörter aus Pali und Sanskrit übernommen hat, können mehrere Buchstaben denselben Laut repräsentieren. Welcher davon in einem bestimmten Wort verwendet wird, müssen Leserinnen und Leser schlicht lernen. Hinzu kommen Zeichenformen, die sich nur in kleinen Details unterscheiden: Schleifenrichtung, eine kleine Kurve, ein Abschlussstrich. Das Verwechslungspotenzial ist entsprechend groß.

Ende des 20. Jahrhunderts durchlief das Thai-Schriftdesign eine Phase starker Vereinfachung – viele Unterscheidungsmerkmale wurden zugunsten einer reduzierten Ästhetik aufgegeben. Besonders ausgeprägt war dies in der Ära der Abreibeschriften.

Heute bewegt sich die Entwicklung wieder in die andere Richtung: Details kehren zurück, vertraute Formen werden für thailändische Leserinnen und Leser wiederbelebt, ohne dabei jene Flexibilität aufzugeben, die das Schriftsystem immer ausgezeichnet hat.

Diese Balance zwischen Vertrautheit und Flexibilität zieht sich wie ein roter Faden durch die nachfolgend beschriebenen Designprojekte: Pangea Thai und Neue DIN Thai.

Pangea Thai

Pangea von Christoph Koeberlin ist eine Serifenlose, die zwischen einer schmalen Grotesk und einer geometrischen Sans-Serif angesiedelt ist. Insgesamt ist sie schmaler und damit platzsparender als eine klassische geometrische Sans, behält aber durch ihre diagonalen Endungen und runden Punkte einen freundlichen Charakter. Diese Eigenschaften, ihre Kompaktheit, die große Mittellänge und ihre Offenheit bildeten den Rahmen, auf den die thailändische Erweiterung reagieren musste.

Thai für Pangea zu entwerfen bedeutete, zwei Stile innerhalb einer Schriftfamilie zu gestalten: Looped für Pangea Text und Loopless für Pangea (Display). Der Prozess begann mit der Text-Variante. Fließtext ist das konservativere und damit anspruchsvollere Terrain, während Display-Anwendungen größere gestalterische Freiheiten erlauben. Erst anschließend wurde entschieden, welche Elemente sich in beiden Stilen verwenden lassen.

Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Pangea Thai
Pangea Thai setzt auf die Loopless-Variante, Pangea Text Thai dagegen auf Looped; die Text-Version besitzt höhere Oberlängen und eine großzügigere Zurichtung als die Display-Variante.
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Pangea Thai mit anderen bekannten Schriften im Vergleich
Für die Looped-Version wählte ich Buchstabenformen mit abgerundet rechteckigen Unterseiten, eine Konstruktion, mit der thailändische Leserinnen und Leser bestens vertraut sind.
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Pangea Thai
Pangea Text (Looped) Thai
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Pangea-Thai-Skizzen
Pangea-Skizzen mit thailändischen Ziffern, Tonzeichen sowie den Konsonanten To Pa-Tak (ฏ) und Do-Chada (ฎ), an denen vereinfachte Varianten erprobt wurden.

Pangea Text ist für angenehmes Lesen in kleinen Schriftgrößen konzipiert. Für die Looped-Version wählte ich deshalb Buchstabenformen mit abgerundet rechteckigen Unterseiten, eine Konstruktion, mit der thailändische Leser bestens vertraut sind.

Man findet sie in Schriften wie Browallia (Design: Unity Progress), die sich während der Windows-Ära etablierte, in Sarabun (Design: Suppakit Chalermlarp), der Standardschrift für Dokumente der thailändischen Regierung, und in Thonburi, der Systemschrift für Thai auf Apple-Geräten.

Diese Schriften prägen bis heute das Bild, das thailändische Leserinnen und Leser aus ihrem Alltag mit Fließtext verbinden.

A Script without Borders – An essay about Thai type design by Boom Promphan Suksumek – Pangea Thai
Gemeinsamkeiten des lateinischen Kleinbuchstaben g mit den Thai-Versionen des Buchstaben So Sua (ส)
A Script without Borders – An essay about Thai type design by Boom Promphan Suksumek – Pangea Thai
Das Bild veranschaulicht den Zusammenhang zwischen dem thailändischen Oberlängen-Bereich an dessen Enden und dem Unterlängen-Bereich bei den beiden Stilen „Loopless“ und „Looped“.
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Pangea Thai
Das Vokalzeichen Sara Ai Maimalai (ไ) in beiden Pangea-Thai-Subfamilien gehört zu den Zeichen, deren Grundform sowohl in Looped als auch in Loopless erhalten blieb.

Das Pangea-Thai-Projekt verbindet auf subtile Weise traditionelle und moderne Formen. Pangea Text Thai versucht, beides auszubalancieren: Die oberen Bereiche der Buchstaben wirken moderner, während Zeichen mit Unterlängen konservativere Formen behalten.

Diese Balance sorgt zugleich dafür, dass eine enge Verwandtschaft mit dem Loopless-Stil bestehen bleibt. Ziel ist es, das unruhige Schriftbild so weit wie möglich zu reduzieren und gleichzeitig auch in fetten Schnitten und kleinen Größen eine hohe Leserlichkeit zu gewährleisten.

Bei Proportion und Schriftbild geht es darum, eine Balance zur lateinischen Schrift herzustellen. Auch kleinere Details der lateinischen Formen, etwa die Gestaltung der Endungen, finden ihre Entsprechung in Thai. In Pangea Text sind die Formen dabei etwas offener angelegt.

Neben Proportion und Gesamttextur wurde auch das charakteristische angeschnittene t von Pangea in die Thai-Versionen übernommen – sowohl in der Looped-, als auch in der Loopless-Version. Damit thailändische Augen bei diesen Zeichen nicht fremdeln, ist der Winkel ihrer Endungen weniger steil als bei der lateinischen Glyphe.

A Script without Borders – An essay about Thai type design by Boom Promphan Suksumek – Pangea Thai
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Pangea Thai
Die Winkel der Endungen von Soso (ซ) und Chochang (ช) sind bewusst weniger steil als in Pangea Latin, damit die Zeichen für thailändische Leser vertraut bleiben.
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Pangea Text Thai
Pangea Text Thai (Looped)
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Pangea Thai
Pangea Thai (Loopless)

Abschließend sei noch angemerkt, dass Pangea eine umweltfreundliche Schriftfamilie ist: 25 Prozent der Designer-Honorare aus jedem Verkauf fließen in den Schutz des Regenwaldes sowie in Aufforstungsprojekte, an denen die lokale Bevölkerung beteiligt ist (Trees for the Future, The Green Belt Movement und Fairventures Worldwide)[^5]; das gilt natürlich auch für die Thai-Versionen.

Da Pangea nun auch Thai spricht: Tragt sie hinaus in die Welt! Ich bin gespannt, wohin die Reise geht.

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Neue DIN Thai

Wo Pangea Thai Feingefühl verlangt, erfordert Neue DIN Thai Belastbarkeit: dasselbe Schriftsystem, allerdings in einer Bandbreite von Extra Condensed bis Extra Wide. Einer Herausforderung, die kreative Lösungen erzwingt.

Zunächst stellt sich die Frage, ob Thai bei Breite und Strichstärke wirklich jedes Kästchen ankreuzen kann, das die lateinische Schrift vorgibt. Die ehrliche Antwort: Das muss es gar nicht. Jedoch, ein Blick auf historische Produkte und Drucksachen erzählt eine interessante Geschichte – Verpackungen, Anzeigen, Filmplakate und Zeitschriften früherer Epochen waren typografisch erstaunlich vielfältig entwickelt.

Die thailändische Schrift hat schon immer eine enorme Flexibilität und Anpassungsfähigkeit bewiesen. Wahrscheinlich hängt dies auch mit Thailands langer Geschichte als multikulturellem Handelsplatz zusammen, der den Austausch sowohl mit westlichen als auch mit anderen östlichen Kulturen mit sich brachte. Die Buchstabenformen nahmen unterschiedlichste Gestalten an und griffen ausländische Einflüsse ebenso auf wie die stilistischen Moden ihrer jeweiligen Epoche. Diese Offenheit beschränkte sich nicht auf den Handel. Auch neue Medien fanden früh ihren Weg nach Siam.

Ab 1897 besuchten regelmäßig ausländische Wanderkinos Bangkok, meist zwei- oder dreimal pro Jahr, und führten dort Filme öffentlich vor. So lernte das siamesische Publikum nach und nach das neue Unterhaltungsmedium kennen, das man „nang farang“ nannte: ausländische oder westliche Bilder[^6].

Mit dem Kino kamen die Plakate. Und mit den Plakaten kamen die Schriftentwerferinnen und -entwerfer. Vor allem die späten 1950er und frühen 1960er Jahre sprühten vor Experimentierfreude. Breite und Strichstärke waren dabei noch die geringsten Variablen. Die Gestalter jener Zeit hatten sehr viel mehr, womit sie spielen konnten.

Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Die thailändische Kinolandschaft entwickelte sich ab 1900 zu einer beliebten Form der Unterhaltung, die in den 1930er Jahren ihr goldenes Zeitalter erlebte.
Die thailändische Kinolandschaft entwickelte sich ab 1900 zu einer beliebten Form der Unterhaltung, die in den 1930er Jahren ihr goldenes Zeitalter erlebte.
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Neue Produkte, die Werbung dafür und die begleitenden Printmedien brachten Mitte des 20. Jahrhunderts typografische Vielfalt nach Thailand.
Neue Produkte, die Werbung dafür und die begleitenden Printmedien brachten Mitte des 20. Jahrhunderts typografische Vielfalt nach Thailand.
Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek –  Neue DIN Thai
Neue DIN Thai

Meine 2019 begonnene Forschung (vgl. YouTube-Video meiner Präsentation auf der ATypI 2019 in Tokyo) abe ich über die Jahre fortgesetzt, und sie bestätigt immer wieder denselben Eindruck: Die technologischen Beschränkungen späterer Epochen haben einen Großteil jener Flexibilität eingeschränkt, die thailändische Buchstabenformen damals besaßen. Gleichzeitig haben genau diese Einschränkungen die Lesegewohnheiten geprägt, mit denen die Gesellschaft heute lebt.

OpenType-Features bieten nun die Möglichkeit, einen Teil dieser Flexibilität nach und nach zurückzugewinnen, oder zumindest Dinge möglich zu machen, die lange unmöglich schienen. Neue DIN Thai ist dafür ein gutes Beispiel, besonders in den XXCondensed-Schnitten. Schmal laufende Schriften waren für Thai schon immer eine Herausforderung, weil sich die komplexen Innenformen der Thai-Glyphen einer starken Verengung widersetzen. Thai für Neue DIN zu entwickeln – eine statische und streng strukturierte Industrieschrift –, die sich über die Jahrzehnte auch international verbreitet hat, war deshalb ebenso anspruchsvoll wie spannend.

Fontwerk’s Neue DIN wurde von Andreas Frohloff, Hendrik Weber und Olli Meier für die heutigen Anforderungen der digitalen Kommunikation auf ein enormes Spektrum von Strichstärken und Breiten ausgedehnt. Eine Herausforderung waren dabei die Innenformen. Eine weitere bestand darin, die thailändischen Tonzeichen unter all diesen Bedingungen zum Funktionieren zu bringen, vor allem in XXCondensed.

Die Zusammenarbeit mit Andreas Frohloff in Berlin machte das gesamte Projekt zu einer lehrreichen Erfahrung. Sein kritischer Blick begleitete jede Phase. Die entgegengesetzt geneigten Kursiven, die Retalic Thai, zeichnete er selbst. Andreas Kommentare und sein Feedback kamen direkt, um ein Problem gemeinsam zu besprechen – manchmal auch in einem spontanen Videocall. Auch im Ruhestand teilt Andreas seine jahrzehntelange Erfahrung großzügig. Von einem Gestalter wie ihm kann man unglaublich viel lernen.

Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Pangea-Skizzen mit thailändischen Ziffern, Tonzeichen sowie den Konsonanten To Pa-Tak (ฏ) und Do-Chada (ฎ), an denen vereinfachte Varianten erprobt wurden.
Zwei Versuche, die Höhenanordnung zwischen den Thai-Buchstaben und ihren Tonzeichen bei kollisionsgefährdeten Kombinationen zu testen: das mittlere Schwänzchen funktioniert eindeutig nicht (Skizze A); bei der Positionierung der Tonzeichen waren die Akzente in der lateinischen Neue DIN eine Hilfe (Skizze B).

In Thai werden Zusatzzeichen sowohl oberhalb als auch unterhalb der Konsonanten positioniert. Die Position der Tonzeichen beeinflusst unmittelbar die Lesbarkeit für Muttersprachler. Da sich Tonzeichen mit sämtlichen Konsonanten verbinden können, muss man beim Entwerfen stets berücksichtigen, wie diese beiden Zeichengruppen miteinander kombiniert werden und zusammen funktionieren. Die Positionierung der Tonzeichen in Neue DIN Thai orientiert sich eng an der Position der Akzente der lateinischen Neue DIN.

Doch was geschieht bei Buchstaben mit Oberlängen und Tonzeichen? Normalerweise wird für solche Zeichen ein zweiter Satz von Tonzeichen gezeichnet, das sogenannte Narrow Set (.narrow). Der Name sagt bereits, was es tut: Diese Zeichen sind schmaler als die Standardversionen. Bei Neue DIN Thai reicht das jedoch nicht aus, insbesondere nicht bei XXCondensed. Sowohl der Abstand zwischen den Buchstaben als auch deren Proportionen sind dort extrem eng.

Wird ein Tonzeichen neben eine Oberlänge gequetscht, droht eine Kollision mit dem Tonzeichen des vorhergehenden Buchstabens. Gleichzeitig verliert das Tonzeichen in dieser Position an Lesbarkeit, wie Skizze B rechts zeigt. Eine mögliche Lösung besteht deshalb in einer Variante des Konsonanten Po-pla (ป) mit verkürzter Oberlänge (ganz rechts), die mit dem oberen Tonzeichen kombiniert wird. Dadurch kann das Tonzeichen weiter nach innen rücken und bleibt dennoch frei.

Einige der in den Skizzen gezeigten Alternativformen schafften es nicht in die endgültige Schrift, weil sie sich in der Praxis als ungeeignet erwiesen. Die Idee der verkürzten Oberlänge dagegen blieb.

Eine Schrift ohne starre Grenzen – Ein Essay über thailändisches Typedesign von Boom Promphan Suksumek – Neue DIN Thai
Kollisionsgefahr: Während beim linken und rechten Musterwort die Oberlänge des mit einem Tonzeichen versehenen „Po-pla“ verkürzt werden muss, darf das Zeichen im mittleren Wort seine volle Höhe behalten.

Im lateinischen Alphabet gibt es einige sehr ähnlich gebaute Buchstaben, wie zum Beispiel n und h, die sich nur durch die Oberlänge unterscheiden. Thai besitzt ein vergleichbares Paar: Po-pla (ป) und Bo-baimai (บ). Verkürzt man die Oberlänge von Po-pla, beginnen beide Zeichen einander zu ähneln.

Gleichzeitig ist der Raum zwischen der Konsonantenhöhe und dem darüberliegenden Tonzeichen zu knapp, um noch eine deutlich erkennbare Lücke zu lassen.

Deshalb fiel die Entscheidung, die Tonzeichen der ersten Ebene auf ihrer ursprünglichen Höhe zu belassen, statt sie nach oben zu verschieben. Würde man sie anheben, müsste der Zeilenabstand zu stark vergrößert werden; zu hoch gesetzte Zeichen wirken zudem schnell, als schwebten sie losgelöst über ihrem Grundzeichen. Also haben wir nicht das Tonzeichen verändert, sondern Po-pla (siehe nächste Abbildung).

Für XXCondensed erwies sich schließlich als beste Lösung, die Kollision bewusst zuzulassen: Oberlänge und Tonzeichen dürfen sich berühren. Diese Berührung erfüllt sogar eine Funktion. Sie macht deutlich, dass es sich um einen Buchstaben mit Oberlänge handelt, und erklärt visuell, weshalb beide Formen aufeinandertreffen. Sobald eine größere Schriftweite genügend Raum bietet, kommt wieder das Narrow-Set zum Einsatz. Diese Lösung gilt allerdings nur für Tonzeichen, die mit darüberliegenden Elementen kollidieren können.

In der Abbildung „Kollisionsgefahr“ trägt das Po-pla (ป) im mittleren Wort (เป็น) das Tonzeichen Mai-taikhu ( ็), das einen Vokal verkürzt. Mai-taikhu ist hier stets Bestandteil des Vokals (เ- ็), der Kurzform des Vokals เ-ะ (Sara-e), wenn ein Word mit einem Konsonanten abschließt (น ist ein solcher finaler Konsonant). In dieser Kombination wird der vordere Teil des Vokals, Sara-e (เ), immer auf der Grundlinie und links vom Hauptkonsonanten (in diesem Fall Po-pla) geschrieben. Da es sich um einen Vokal handelt, wird darüber kein Tonzeichen gesetzt. Daher bleibt der Raum über Po-pla auf dieser Seite (linke Seite) frei (blau dargestellt): Kein Tonzeichen eines benachbarten Buchstabens kann ihm dort zu nahe kommen – somit kann das Zeichen in seiner unveränderten Form bleiben.

Anders verhält es sich bei den Wörtern links und rechts (siehe vorige Abbildung). Hier befindet sich ein Tonzeichen über Po-pla, während gleichzeitig das Zeichen davor einen hohen Strich oder ein anderes Element auf gleicher Höhe aufweist. Po-pla muss deshalb auf seine alternative Form mit verkürzter Oberlänge wechseln, um Platz zu schaffen.

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Wie im Latin-Alphabet (h, n) gibt es auch im Thai-Alphabet ähnlich gebaute Glyphen; verkürzt man die Oberlänge von Po-pla zu stark, kann es mit Bo-baimai verwechselt werden.
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Design-Experiment: Kampf um den freien Raum über den schmalen Neue-DIN-Thai-Konsonanten

Dies unterscheidet sich von Mustern wie เตาปูปั้น oder เตานี้ปึก (siehe Abbildung oben), bei denen ein Tonzeichen über Po-pla dicht neben einem anderen hohen Strich oder Zeichen auf derselben Höhe steht, wodurch Po-pla gezwungen ist, auf seine Variante mit kurzer Oberlänge auszuweichen, um Platz zu schaffen. Bei เป็น (in der Mitte) tritt diese Enge hingegen nie auf, sodass Po-pla seine Standardform mit voller Höhe beibehält.

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Hier das Zusammenspiel von Po-pla (ป) mit dem langen Vokalzeichen Sara-li ( ี Unicode: U+0E35) über alle Neue-DIN-Condensed-Schnitte hinweg
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Funktionsweise der Tonzeichen im Variable Font von Neue DIN Thai
Parallelität zwischen DIN Latin und Thai: Verhalten der End- und Abstriche über verschiedene Strichstärken und Breiten hinweg
Neue DIN Latin und Thai in allen Strichstärken und Breiten

Thai hat seine Wurzeln in einer flexiblen, spielerischen Schriftkultur. Im digitalen Zeitalter gibt es noch viel zu lernen und zu entdecken: Wie lässt sich die fließende Qualität handgezeichneter Buchstaben samt ihrer Verspieltheit unter den Bedingungen der OpenType-Ära wiederbeleben?

Jedes Schriftsystem trägt die Spuren dessen in sich, was seine früheren Werkzeuge ermöglichten. Neue DIN Thai ist ein Versuch, der Thai-Schrift einen Teil ihrer Flexibilität zurückzugeben. Aber es bleibt noch viel zu entdecken. Weitere Features und Alternativzeichen warten darauf, erforscht zu werden, und jede neue Breite und Strichstärke stellt ihre eigenen Fragen.

XXCondensed bildet nur das eine Ende der Familie. Von dort führt der Weg bis zu XXWide, durch sämtliche Strichstärken und Breiten, durch Italic und Retalic, also der nach links geneigte Kursiven. Was sich dazwischen alles entdecken lässt: Freut Euch darauf und ladet die gesamte Familie kostenlos als Testfont.

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Marktübersicht: zeitgenössische Thai-Schriften verschiedener Anbieter

Looped plus Loopless

Looped

Loopless

Quellenangabe & Hinweise

Die Legende in den Abbildungen wurde aus Pangea Mono (noch unveröffentlicht) von Christoph Koeberlin gesetzt.

Der englische Text wurde von Lucy Beckley gegengelesen und von Jürgen Siebert ins Deutsche übertragen. Dabei wurden zu geringen Teilen KI-Hilfsmittel eingesetzt.

  • [^1]: Michel Ferlus, „Origin of the Graph /b/ in the Thai Script,“ in Southeast Asian Linguistic Studies in Honor of Vichin Panupong, ed. Arthur S. Abramson (Bangkok: Chulalongkorn University Press, 1997), 79–82. [PDF]
  • [^2]: Sommai Premchit, „Ramkhamhaeng or Ramkamhaeng?,“ Journal of the Siam Society 76 (1988); der Text befasst sich mit der Transliteration und Schreibung des Namens des Sukhothai Königs Ramkhamhaeng und einer Variante ohne das erste „h“. [PDF]
  • [^3]: Anthony Diller, „Thai and Lao Writing,” in The World’s Writing Systems, ed. Peter T. Daniels and William Bright (New York: Oxford University Press, 1996); Nantana Danvivathana, The Thai Writing System (Hamburg: Helmut Buske, 1984). 
  • [^4]: Héctor Mangas, „The Contemporary Effects of Loops: Studying the Implications of This Unique Feature of the Thai Script,” Typotheque, 15. Februar 2025.
  • [^5]: Fontwerk, „Pangea,” 20. Juli 2020.
  • [^6]: Dome Sukwong und Sawat Suwannapak, A Century of Thai Cinema (London: Thames & Hudson, 2001)