Eine Leuchtreklame in Dresden war der Anfang von allem. Über einem ehemaligen Delikatessengeschäft prangte in typischer 70er-Jahre-Manier eine geschwungene Schreibschrift neben einer massiven Blockschrift – ein ungewöhnliches, widersprüchliches Paar, das den jungen Jan Gerner, der nach neun Jahren in Äthopien in seine Geburtstadt zurückgekehrt war, faszinierte. Der Kontrast dieser beiden Stimmen wurde zum Impulsgeber für seinen Werdegang und zum Kern seiner typografischen Haltung.
Heute ist er unter dem Namen Yanone international bekannt: als Schriftgestalter, Entwickler typografischer Tools, DJ und kritischer Geist – alles Teil seiner Identität als multidisziplinärer Künstler. Seine im Kern immer auch emotionalen und persönlichen Arbeiten sind geprägt von einem feinen Gespür für kulturelle Übersetzung, visuelle Dramaturgie und technologischen Wandel.
Seine bekannteste Schrift, die kostenlose Yanone Kaffeesatz, entwickelte sich über die Jahre zu einem der populärsten Fonts weltweit. Seine großformatige Mixed-Media-Installation „Sun Gate“ war stimulierendes Highlight auf verschiedenen Festivals von Ägypten bis Südafrika. Neun strahlenförmig angeordnete Lichtachsen pulsieren computergesteuert in langsamen, zufälligen Rhythmen – ein hypnotisches, räumliches Erlebnis zwischen Technik und Ritual.
Ausgebildet in Visueller Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar, folgte das Masterstudium Type and Media an der Königlichen Akademie der Bildenen Künste in Den Haag. Dort entstand mit Antithesis eine Schriftfamilie, die den ursprünglichen Impuls weiterführt: drei radikal unterschiedliche Stile verbunden zu einem funktionierenden System maximalen Kontrasts. Dabei entstand auch die kleinste Schriftsippe der Welt, je Stil bestehend aus lediglich einem Schriftschnitt. Die Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit einem Certificate of Excellence der International Society of Typographic Designers (ISTD) und einem Yellow Pencil von D&AD. Ein begleitender Tanzfilm setzte Maßstäbe in der Verbindung von Kunst und Schriftgestaltung.
Yanone arbeitete unter anderem für Google, FontShop, Linotype, Bold Monday, GlyphsApp und Typotheque. Seine Fähigkeiten reichen dabei weit über Schriftgestaltung hinaus: Mit Font-Engineering-Tools wie Space Bar und Speed Punk hat er Werkzeuge geschaffen, die heute in der Ausbildung und Praxis von Schriftgestaltern und -gestalterinnen weltweit eingesetzt werden.
Nach mehreren Jahren in Amman lebt und arbeitet Yanone heute wieder in Berlin. Der Weg hierhin – einst begonnen vor einem Dresdner Schaufenster – war lang und voller Kontraste: geografisch, gestalterisch, biografisch. Und doch führt er konsequent dorthin, wo er heute steht: an die Schnittstelle von Kultur, Technologie und Ausdruck.